alte Bilder von Zugrindern

Das Betrachten von alten Bildern hilft uns mehr Information zur Rinderanspannung zu bekommen; hier sollen also Beispiele veröffentlicht werden und zur Diskussion anregen. Damals war die Rinderarbeit eine Selbstverständlichkeit zu der heute allerdings kaum noch schriftliche Informationen vorliegen. Wer weitere Bilder hat und sie einreihen möchte: gern, einfach nur Bescheid geben!

Bilder aus dem Neckartal 1930-40

Der Photograph lebte in Geislingen, Urach, Heilbronn, Tübingen, Reutlingen und Leonberg. Er war als Sparkassen-Direktor tätig und seine Leidenschaft war das Bilder machen. Von ihm stammen die folgenden Aufnahmen (im Original handelt es sich um orthochromatische Platten):

Bilder aus Unterhütte, Böhmen 1930-40

Frau Wild aus Sonderhofen hat in ihren Familienschätzen gesucht ...

Frau Wild aus Sonderhofen hat in ihren Familienschätzen gesucht und sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt:

Mein Urgroßvater Michael Wild hatte insgesamt zwei Kühe. Sie hatten die Namen Scheck (Schäck) und Bless (Bläss). Zum Einspannen war nur ein Wagen vorhanden. Für diesen gab es verschiedene Aufsätze (Leitern für die Heufuhre, Bretter für die Mist- oder Rübenfuhre und ein Jauchefass). Wenn die Kühe den Wagen zogen, lief mein Urgroßvater einfach nebenher, ohne die Leine in die Hände zu nehmen.
 
Die Klauen der Kühe wurden wahrscheinlich (mein Vater kann sich daran nicht mehr genau erinnern) vom Neffen meines Urgroßvaters ausgeschnitten, der von Beruf Schmied war. Beschlagen wurden sie nicht. Sie gingen immer "barfuß".
 
Mein Vater mußte schon mit auf den Acker, als er noch ganz klein war. Seine Aufgabe war es immer, mit einem Wedel die Fliegen von den Kühen fern zu halten. Wurde einmal nicht eingespannt, hängte mein Urgroßvater ein Stirnblatt in der Scheune auf, damit es mein Vater als Schaukel verwenden konnte.
 
Mein Urgroßvater achtete immer akribisch auf saubere Geschirre. Die Stirnblätter, bzw. Stirnjoche waren vorn drauf mit einer Messingplatte beschlagen. Diese hat er immer poliert, damit sie in der Sonne glänzten. Genau wie bei den Geschirren, war mein Urgroßvater auch auf die Pflege seiner Kühe sehr aus. Er striegelte sie täglich! . Dafür mußten sie sich aber auch manchmal sehr anstrengen, z. B., wenn sie den vollbeladenen Mistwagen den steilen Berg zum Acker, der hinter dem Dianahof lag, hinaufziehen mußten. Doch so erging es damals nahezu allen Zugtieren.
 
Wenn der Wagen leer war, setzte sich mein Urgroßvater meistens auf ihn drauf (für meinen Vater war es immer eine besondere Freude, wenn er sich danebensetzen durfte). Zu diesem Zweck war vorne ein querliegendes Brett angebracht, das die Funktion eines Kutschbocks erfüllte. Nur auf den Hinweg mußte den Kühen (mit den Kommandos "Wista" = nach links, "Hott" = nach rechts, "Wiä" = lauft los und  "Brrrrrr" = bleibt stehen) gezeigt werden, auf welchen Acker es ging. Egal wo sie dann waren, den Heimweg fanden die Kühe grundsätzlich immer von alleine!
 
Ein alter Bauer hat mir mal erzählt, daß die Einspannochsen immer ruhig und gutmütig waren. Doch wenn sie mal aus irgendeinen Grund erschrocken sind, und durchgingen, konnte sie keiner aufhalten. Dann wurden die Schwänze senkrecht in die Höhe gestellt, und die Post ging ab!
 
Mein Urgroßvater hat jedes Jahr ein Kalb gezüchtet. Er ließ die Kühe immer abwechselnd decken. Ob ein Gemeindebulle vorhanden war, oder ob die Kuh zum Bullen (manche sagen Stier) eines benachbarten Bauern geführt wurde, kann mein Vater nicht sagen. Damals hat man den Kindern "solche Dinge" verheimlicht. Das Kalb wurde immer, bevor das nächste kam, an andere Bauern verkauft. Einen Viehmarkt gab es nicht. Sehr wahrscheinlich hat auch mein Urgroßvater seine Kühe ursprünglich einmal von einen Bauern gekauft.
 
Eine Wasserleitung war im Stall nicht vorhanden. Daher wurde zu den Hauptfütterungszeiten am Morgen und am Abend ein Holzzuber zwischen die Kühe gestellt. Dieser wurde mit Wasser gefüllt, welches mit dem Eimer herangeschafft werden mußte. Immer, wenn die Kühe den Zuber nicht ganz geleert haben, hat mein Urgroßvater sehr mit ihnen geschimpft ("Himmelherrgottkreizsakrament, jetzt habt ä scho wiedä net leä gsoffä"). Er wurde deswegen so wütend, weil er das restliche Wasser dann wieder per Hand hinaustransportieren mußte! Im Sommer, wenn die Kühe täglich eingespannt wurden, tränkte mein Urgroßvater sie auch unter der Zeit mit dem Eimer.
 
Die Kühe wurden mit Heu, geschnittenen Futterrüben und im Sommer auch mit frischen Waldgras gefüttert. Es war die Aufgabe meiner Urgroßmutter, mit Huckelkorb und Sichel in den Wald zu gehen, um dieses zu beschaffen. Der Huckelkorb wurde immer sehr hoch aufgetürmt beladen. Das obere Gras wurde mit Stricken festgezurrt. Im Wald war es nicht erlaubt, mit der Sense zu mähen. Man hätte versehentlich Baumschößlinge erwischen können. Im Sommer bekamen die Kühe zusätzlich einige Hand voll Hafer über das Futter gestreut. Frisches Grün und Hafer hat er nur im Sommer gefüttert, wenn die Kühe schwer arbeiten mußten. Da mein Urgroßvater nur sehr wenig Hafer hatte, ging er auch entsprechend sparsam damit um. Im Winter, wenn nicht eingespannt wurde, gab es keinen Hafer. Die Kühe wären sonst "recht narrisch" geworden. Nur die Hühner wurden das ganze Jahr über mit Hafer gefüttert.
 
Eingestreut wurde nicht nur mit Stroh (es gab nur so wenig, daß es nie das ganze Jahr über reichte; angebaut wurde Korn und ein wenig Hafer), sondern auch mit Tannennadeln. Diese lagen dick im Wald und wurden mit dem Rechen zu einem großen Haufen zusammen gemacht. Anschließend kam der Förster und hat gemessen, wie hoch der Berg war. Danach richteten sich dann die Gebühren. Mein Urgroßvater war jedoch sehr schlau. Er hat die Nadeln immer da aufgehäuft, wo eine tiefe Mulde im Boden war. Der Förster ahnte das zwar, doch er sagte nie etwas. Er war mit meinem Urgroßvater befreundet ...
 
Im Winter lag der Schnee immer sehr hoch. Zum Schutz gegen die Kälte wurde das Stallfenster und die Stalltüre von
innen mit Strohbüschel abgedichtet. Auf einem Foto sieht man das "Waldhaus" von hinten mit dem Eingang zum Stall. Links neben der Stalltüre ist das Stallfenster zu sehen. Noch weiter links erkennt man das Scheunentor. Rechts von der Türe ist das Flurfenster und ganz rechts das Küchenfenster. Leider gibt es keine Innenaufnahme vom Stall.
 
Eine Sähmaschine hatte mein Urgroßvater keine. Er hatte den Samen immer per Hand ausgestreut. Auch die Kartoffeln wurden per Hand gesetzt.
Eine Mähmaschine gab es ebenfalls nicht. Gras, Korn und Hafer mußten mit der Sense geschnitten werden. Vorhanden war jedoch eine kleine Dreschmaschine, die von zwei Mann getragen werden konnte und mit einer Handkurbel bedient wurde. Auch gab es eine kleine Getreidereinigungsmaschine (mein Urgroßvater sagte "Windmühle" dazu), die ebenfalls per Handkurbel betrieben wurde.
 
Mein Vater Johann Wild, meine Großeltern Georg (Girgl) und Maria (Mari) Wild und meine Urgroßeltern Michael (Michl) und Magdalena (Lenä) Wild wohnten in Unterhütte (Untahittn) bei Hostau (Böhmerwald) im sogenannten "Waldhaus" (Woldhaisl). Der Tierbestand war: Zwei Kühe (die "Schäck" und die "Bläss"), ein Kalb, zwei Schweine, ca. 10 bis 15 Hühner, ein Hahn und drei Katzen (ein roter Kater mit den Namen "Peter", ein grauer Kater mit den Namen "Paul" und eine alte graue Katze mit den Namen "Kindsmari"). Zu Unterhütte gehörte auch das Jagdschloss "Dianahof". Der Eigentümer war der Graf Coudenhove-Kalergi, Baron von Ronsperg, Stockau und Dianahof.
Unterhütte war nur 100 Meter von der Bayerischen Grenze entfernt.Im Gebiet von Unterhütte markierte (bzw. markiert auch heute noch) der Bach Schwarzach" mehrere Kilometer weit den Grenzverlauf. Über ihn führten mehrere Brücken. Zum Ende des II. Weltkriegs brachte mein Urgroßvater den Wagen, den Pflug und die Kuhgeschirre heimlich nach Bayern (war unter Todesstrafe verboten). Er versteckte alles in der Lochmühle, welche direkt am Grenzbach Schwarzach stand. Auch viele andere Sudetendeutsche brachten ihre Habseligkeiten dorthin. Leider war der Lochmüller nicht ganz ehrlich. Er nahm sich, was ihm gefiel oder er brauchen konnte. Den allergrößten Teil holten die Tschechen jedoch wieder ins eigene Land zurück. Damals waren sie mit den Amerikanern befreundet. Sie saßen oft zusammen und becherten. Bei diesen Trinkgelagen erhielten die Tschechen von den Amerikanern die Erlaubnis, alle Sachen, welche die Sudetendeutschen nach Bayern gebracht hatten, wieder zurückholen zu dürfen. Kurzerhand "liehen" sich die Tschechen Zugrinder aus Unterhütte und trieben sie zur Lochmühle. Dort  spannten sie diese an die bereits über die Grenze gebrachten Wägen, die mit vielen Habseligkeiten (Hausrat, Kleidung, Möbel, Ackergeräte usw.) beladen waren. Dann fuhr die Kolonne zurück in die Tschechei. Bayerische Burschen sahen ganz hinten auf einem Fuhrwerk die Truhe meines Großvaters stehen (es war ein Schild mit der Aufschrift "Georg Wild, Unterhütte 47" darauf. Da die Kerle die "Wilds" kannten, packten sie die Kiste heimlich und zogen sie herunter, während die Wagen losfuhren. Danach gelang es ihnen, sie im Wald zu verstecken. Die Truhe (in ihr war Kleidung, Möbel und Wäsche) konnte bei der Flucht mitgenommen werden. Sie existiert heute noch!
 
Kurz nach dem Krieg, im Sommer 1946, mußten alle Bewohner Unterhütte verlassen. Zurück blieb nur eine Frau, die den Auftrag hatte, das Vieh im ganzen Dorf zu versorgen (hauptsächlich Einspannkühe und -Ochsen, Jungrinder, Schweine und Hühner. Pferde gab es keine. Der Baron fuhr bereits mit dem Auto.). Nach einigen Wochen kamen die Tschechen, und trieben das Vieh weg. Danach mußte auch die Frau gehen.
Einige Jahre später wurde der ganze Ort völlig niedergebrannt. Anschließend beseitigte man die Reste mit schweren Maschinen. Den Dianahof verwendeten die Tschechen noch viele Jahre als Grenzstation, und plünderten ihn aus. Danach ließ man ihn verfallen. Heute sind noch Mauerreste zu sehen, die teilweise bis zum ersten Stock reichen.
Am ehemaligen Standort von Unterhütte findet man immer noch völlig verwahrloste Obstbäume und -sträucher, zugewucherte Kellerlöcher und Grundmauern, wenn man nur etwas im Boden gräbt.
So wie Unterhütte und dem Dianahof erging es noch weiteren 200 Böhmischen Grenzdörfern, mitsamt den dazugehörenden Schlössern, Gutshöfen und Kirchen.
 
Ich glaube, die jetzige Generation Tschechen bewegt es sehr, was damals geschehen ist. Heute würden sie bestimmt nicht mehr Jahrhunderte alte Schlösser, Kirchen und Dörfer einfach dem Erdeboden gleich machen.
Das Foto mit dem tschechischen Gespann brachte mein Großvater aus der Tschechei mit. Er diente dort vor dem II. Weltkrieg als Soldat bei der tschechischen Kavallerie.
 
Ich habe auch noch den Grundriß vom Waldhaus beigefügt, den mein Vater gezeichnet hat. Im Haus war, wie in den meisten Häusern im Ort, der Stall und die Scheune integriert = Wohnstallhaus.
Andere Geschichten gäbe es noch endlos viele zu erzählen, z. B. die, wie meine Urgroßmutter mit dem Zimmerstutzen durch das geschlossene Fenster geschossen hat, um Diebe, die Kirschen vom Baum stehlen wollten, in die Flucht zu schlagen.

Bilder aus dem Sudetenland

Die Familien Eitel und Tschernoster haben im Familienalbum gesucht und uns freundlicher Weise folgende Bilder aus dem Sudetenland zukommen lassen:

Onkel Rudi beim Pflügen
Onkel Rudi beim Pflügen
Onkel Rudi beim Futter holen
Onkel Rudi beim Futter holen

Der Ochsenzwinger in Görlitz - ganz ohne Bilder

Ein simpler Wegweiser in der Altstadt von Görlitz ist schuld: Ochsenzwinger ->
Wieso Ochsenzwinger? Und wieso Zwinger?
In Görlitz gab's ein kleines Nebentor ("Tor an der Kahle") in der Stadtmauer, durch welches seit 1370 das Vieh auf die Wiesen und Weiden direkt am Wasser der Neiße getrieben wurde. Dieses Tor wurde 1834 zerstört, der Rest der Wehranlage blieb allerdings erhalten. Die dazugehörige Bastei - Ochsenbastei - steht heute noch, ist ein Rundbau und sollte ursprünglich das Tor schützen. Als Zwinger (oder "der Parchen")  wird im allgemeinen eine von einer Mauer und einem Vortor geschützte Fläche vor der eigentlichen Stadtmauer bezeichnet. Dieses von oben offen einsehbare Areal erschwerte das Erstürmen der Festungsanlagen in Kriegszeiten deutlich. In Friedenszeiten wurde die Fläche anderweitig genutzt, z.B. zum Gemüseanbau oder eben für das Vieh. Erst später wurden dort Stallungen und Scheunen errichtet. Von dem ehemals doppelwandigen Schutz um die gesamte Görlitzer Altstadt sind der Ochsenzwinger und die Bastei mit die Reste.
Noch ein Detail will ich erwähnen: 1641 schafften kursächsisch-kaiserliche Soldaten eine Bresche in die Stadtmauer der damals von Schweden gehaltenen Stadt zu schlagen. Diese Lücke wurde mehr als 20 Jahre lang mit Holz, Mist und Wollsäcken geschlossen.

Maul- und Klauenseuche